© DAV Wolfratshausen

Mit dem Bikini über den Gletscher

Text: An­schi, Fo­tos: An­ne, An­schi, Hei­ko, Ze­no

21.08.2019

In schwin­del­er­re­gen­den Hö­hen an rut­schi­gen Steil­hän­gen sah und hör­te man beim Auf­stieg am Frei­tag vom Stu­bai­tal über die Sul­zenau-Alm zur Sul­zenau-Hüt­te im­mer wie­der Scha­fe, die sich beim nä­he­ren Hin­se­hen manch­mal als Zie­gen ent­pupp­ten. In der zwei­ten Stre­cken­hälf­te, dem „Wil­de Was­ser Weg“ ent­lang des 200 m hin­ab­fal­len­den Was­ser­fal­les, er­öff­ne­ten sich uns, ne­ben Schaf-Zie­gen und Zie­gen-Scha­fen, vie­le herr­li­che Bli­cke.

An der Sul­zenau-Hüt­te emp­fin­gen uns An­ge­li­ka und Lo­ni, die schon einen Tag frü­her an­ge­reist wa­ren. Am Abend wur­de über das be­lieb­te und durch­aus kon­tro­vers dis­ku­tier­te The­ma Ge­wichts­op­ti­mie­rung des Ruck­sackes bei Hoch­tou­ren dis­ku­tiert. Lo­ni und An­ge­li­ka schlepp­ten an­schein­dend vie­le Din­ge mit, die nicht auf der Ge­päck­lis­te zu fin­den war, da­zu spä­ter noch De­tails. Nach ei­nem fei­nen Aben­des­sen mit di­ver­sen Knöd­l­va­ri­an­ten er­laub­te uns die Tou­ren­lei­te­rin An­ne nach re­gel­mä­ßi­gen Nach­fra­gen um 21 Uhr in un­ser ge­müt­li­ches 6er-Zim­mer­la­ger zum Schla­fen zu ge­hen.

Die Nacht auf Sams­tag ver­lief ru­hig, wenn man da­von ab­sieht, dass Hei­kos No­kia-Han­dy ge­schätz­tes Bau­jahr 2010, ei­ni­ge von uns um 1.30 Uhr aus dem Schlaf riss. An­schis Smart­pho­ne weck­te uns dann zu­ver­läs­sig um 5.45 Uhr, schließ­lich hat­ten wir ei­ne 10-Stun­den-Tour vor uns und Ge­wit­ter­war­nung für den Nach­mit­tag. Ein Alp­horn­blä­ser mit sei­nem mo­bi­len Wan­deralp­horn im Ge­päck spiel­te uns zum pünk­li­chen Ab­marsch um 7 Uhr noch ein schö­nes Lied. An­geb­lich war er da­mit schon auf dem Mount Ever­est.

Vor­bei an der Blau­en La­cke ging es zum Ein­stieg auf den Fer­ner­stu­ben Glet­scher. Bis al­le ih­re Steig­ei­sen fest an den Schu­hen hat­ten (an­geb­lich wa­ren Mo­del­le da­bei, die nach der Tour bei der 150 Jahr-Aus­stel­lung des DAV ab­ge­ge­ben wur­den) und das Seil die rich­ti­ge An­zahl an Kno­ten hat­te (50 : 6 = ?), ver­ging fast ei­ne Stun­de. Jetzt kam auch her­aus, dass Mut­ter An­ge­li­ka und Toch­ter Lo­ni tat­säch­lich einen Bi­ki­ni samt Ba­de­hand­tuch im Ge­päck mit­schlepp­ten! An­schi mein­te da­zu tro­cken: „Al­so ich hab halt Ga­ma­schen da­bei“. Tja, die hat­ten die bei­den nicht im Ruck­sack. Vier von uns mar­schier­ten al­so oh­ne Bi­ki­ni da­für mit Ga­ma­schen, zwei von uns mit Bi­ki­ni aber oh­ne Ga­ma­schen froh­ge­mut als 6er-Seil­schaft über den Glet­scher. Da­bei fan­den wir nicht nur ein ver­lo­ren­ge­gan­ge­nes Han­dy son­dern auch ei­ni­ge im Schnee an­ge­deu­te­te Spal­ten. Am En­de von Eis und Schnee klet­ter­ten wir über die Lü­be­cker Schar­te bei strah­lend blau­en Him­mel hin­auf zum Wil­den Frei­ger, der pünkt­lich zu un­se­rer An­kunft kom­plett im Ne­bel ver­schwand. Wir wa­ren trotz­dem stolz und fo­to­gra­fier­ten halt in den Ne­bel hin­ein.

Ab­wärts über teil­wei­se ver­eis­te Schnee­fel­der ging es nun Rich­tung Nürn­ber­ger Hüt­te. Da die Wol­ken hart­nä­ckig tief un­ten blie­ben, lie­ßen wir den Gip­fel des Gamss­pitzl links lie­gen. Sehr ver­block­tes Ge­län­de mit vie­len ver­meint­lich fes­ten Stein­plat­ten for­der­te noch­mal über ei­ni­ge Stun­den un­se­re vol­le Kon­zen­tra­ti­on. Trotz­dem er­späh­ten wir nach nur 9 Stun­den un­ser nächs­tes Nacht­quar­tier, die Nürn­ber­ger Hüt­te. Kaf­fee und Ku­chen auf der kurz­zei­tig son­ni­gen Ter­ras­se päp­pel­te uns schnell wie­der auf. Am Abend gab es das bes­te Sa­lat­buf­fet „ever“und noch mehr Knöd­l­va­ri­an­ten, auf die aber fast kei­ner mehr Lust hat­te. Schnit­zel, Kar­tof­feln und Kai­ser­schmarrn bes­ter Qua­li­tät mit dunklen Fran­zis­ka­ner Weiß­bier(en) lie­ßen wir uns schme­cken, wäh­rend es drau­ßen blitz­te, don­ner­te und hef­tig reg­ne­te. Schon um 21 Uhr be­schlos­sen wir un­se­re ei­ge­ne Hüt­ten­ru­he, mach­ten das No­kia-Han­dy vor­sorg­lich ganz aus und stell­ten am Smart­pho­ne den We­cker auf 6 Uhr.

6.30 Uhr. Un­ser Sonn­tags­früh­stück: Je­der konn­te das be­stell­ten, was sein Herz be­gehr­te, von Sport­ler­müs­li über klei­nes Früh­stück oder nur ei­ne Tas­se Kaf­fee. Ab­marsch um 7.15 Uhr, pünk­lich wie ge­wohnt von der gut er­zo­ge­nen Grup­pe, in Rich­tung Mair­spit­ze. Es war be­wölkt, aber tro­cken mit sehr feuch­ten We­gen. Und auf die­sen sa­ßen sie: über­ein­an­der, al­lein, ge­duckt, in An­griffs­stel­lung, im Rück­zug oder mit­ten auf dem Weg. 19 ge­zähl­te Sa­la­man­der auf dem an­sons­ten we­nig Kon­zen­tra­ti­on for­dern­den Weg zur Mair­spit­ze mit 2781 m. Oben mach­te es auf und man konn­te tat­säch­lich, wenn man an sei­nem Han­dy die Ein­stel­lung ge­fun­den hat­te, wun­der­schö­ne Pan­ora­ma­auf­nah­men ma­chen. Jetzt wan­der­ten wir gut ge­launt ab­wärts zur ge­plan­ten Ba­de-Ses­si­on am Berg­see Grünau. Kei­ner konn­te es sich bei der küh­len Luft wirk­lich vor­stel­len, dort ins Was­ser zu ge­hen, zu­mal vier kei­nen Bi­ki­ni ge­schwei­ge denn ein Ba­de­hand­tuch im Ge­päck hat­ten. Doch wir hat­ten Glück, die Son­ne schi­en plötz­lich kräf­tig, er­wärm­te uns und viel­leicht den See und die Ga­ma­schen-Frak­ti­on sprang kur­zer­hand bi­ki­ni­los zu­sam­men mit der ga­ma­schen­lo­sen Bi­ki­ni-Frak­ti­on in den wun­der­schö­nen tür­kis­blau­en Berg­see. Ein Wan­de­rer, der uns dort plan­schen sah, mein­te: „Ihr seid doch ne Fa­mi­lie!“ Die­se Vor­stel­lung be­lus­tig­te uns sehr. Lei­der woll­te er sei­ne Ge­dan­ken nicht nä­her aus­füh­ren.

Beim Wei­ter­ge­hen Rich­tung Sul­zenau-Hüt­te er­wi­sch­te uns doch noch ein Re­gen, der uns aber, sehr zur Freu­de von An­ne, end­lich mit dem Fund des 20. Lurchis be­glück­te. Ab un­se­rer ers­ten Über­nach­tungs­hüt­te ging es auf be­kann­ten We­gen ab­wärts am Was­ser­fall vor­bei zur Sul­zenau­alm. Leicht durch­nässt kehr­ten wir dort ein und er­leb­ten in der von au­ßen sehr urig aus­se­hen­den Hüt­te wun­der­li­che Din­ge: Män­ner mit nack­ten Ober­kör­pern, ei­ne per­fekt ge­styl­te Be­die­nung, die eher auf das Ok­to­ber­fest ge­passt hät­te, Milch­känn­chen, die nach 2 Se­kun­den vom Tisch ab­ge­zo­gen wur­den und teu­ren Ku­chen. Aber al­les schmeck­te sehr fein und stärk­te uns für die letz­te Stun­de Weg zu­rück zu un­se­rem Au­to, wo al­le über­leg­ten, was sie bei der nächs­ten Hoch­tour in ih­re Ruck­sä­cke pa­cken wür­den.

Al­les in al­lem ei­ne ge­lun­ge­ne Hoch­tour mit An­ne (bes­te Tou­ren­lei­te­rin), Ze­no, An­ge­li­ka, Lo­ni, Hei­ko und An­schi.

Dan­ke dir, An­ne, wir freu­en uns schon auf die nächs­te Tour mit dir. :)